Schutzkonzept im Sportverein – Teil 1

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Wie können wir gemeinsam sicher stellen, dass sich alle wohl fühlen und im Notfall Unterstützung bekommen.

Seit der Gründung von Artio im Jahr 2021 stand ein wichtiges Ziel im Vordergrund: Ein effektives Schutzkonzept für unseren Sportverein zu entwickeln. Wir möchten, dass sich alle Beteiligten bei uns wohlfühlen und in Situationen, in denen sie sich unwohl fühlen, Unterstützung bekommen. Nur, wie macht man aus diesem Wunsch ein Konzept?

Ein Schutzkonzept ist ein Plan oder eine Reihe von Maßnahmen, die entwickelt werden, um Menschen, besonders Kinder und Jugendliche, vor verschiedenen Formen von Gefahren / Gewalt zu schützen.

Die Hauptziele eines Schutzkonzeptes sind:

  1. Aufklärung und Schulung: Das Bewusstsein und die Kenntnisse aller Beteiligten (Betreuer:innen, Kinder und Eltern) über Risiken, Präventionsmaßnahmen und Verhaltensregeln zu stärken.
  2. Prävention: Das Verhindern von Schäden oder Missbrauch, indem Risiken identifiziert und Maßnahmen zur Reduzierung dieser Risiken umgesetzt werden.
  3. Intervention: Die Bereitstellung von klaren Verfahren und Anleitungen für den Fall, dass ein Verdacht auf Missbrauch oder eine andere Gefahr besteht.

Der erste Schritt: gemeinsam Orientierung finden

Ende November treffen wir uns deshalb zum ersten Mal. Mit dabei sind Julia (1. Vorsitzende und Trainerin in verschiedenen Kinder- und Jugendteams), eine erwachsene Spielerin mit eigener Coaching-Erfahrung und drei Eltern mit unterschiedlichen Hintergründen. Wir alle wollen für die Menschen bei Artio ein Umfeld schaffen, in dem Grenzen gewahrt werden und Kinder und Jugendliche diese Grenzwahrung auch einfordern können.

Orientierung am Schutzbaum: Was macht einen Sportverein zu einem sicheren Ort?

Bei der Erarbeitung des Schutzkonzepts orientierten wir uns am Modell des „Schutzbaumes“ von Prätect. Die Wurzeln dieses Baumes bilden die Basis unseres Konzeptes und umfassen drei Aspekte:

  • grenzachtende Organisationskultur
  • offene Fehler- und Kommunikationskultur
  • Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

Alltag im Verein: Was sind unsere eigenen Wurzeln bei Artio?

In unserer täglichen Arbeit im Kinder- und Jugendtraining leben wir schon viel von dem, was die Wurzeln des Schutzbaumes ausmacht: 

  • Offene Kommunikations- und Fehlerkultur:
    • Jedes Training startet und / oder endet mit einem gemeinsamen Redekreis. Das Thema wird meistens von den Trainerinnen vorgegeben.
    • Jedes Kind darf reden und wird dazu ermutigt. Zum Teil wird die Redezeit für alle beschränkt, weil die meisten Kinder zwar gerne erzählen, es in der Gruppe aber auch schnell lang wird.
    • Wir reden oft darüber, wie es den Kindern geht, womit es ihnen gut geht und womit eher schlecht.
    • Spieler:innen werden dafür gelobt, wenn sie etwas ausprobieren.
    • Feedback von Kindern und Jugendlichen wird explizit eingeholt.
    • Trainer:innen erzählen, was ihnen misslungen ist (beim Training, beim Spiel). Sie machen auch Sachen vor, die sie nicht perfekt können. 
    • Trainer:innen ändern Aufgaben, wenn sie für die Gruppe nicht passen (wenn man z.B. merkt, dass ein Spiel bis zum vorgegebenen Ziel zu lange dauert).
Eine Gruppe von Kindern sitzt im Kreis am Hallenboden. Vor sich haben sie Arbeitsblätter mit einem großen Pokal darauf. Der Pokal dient als Sinnbild für die eigenen Stärken: Jede schreibt sich auf, worauf sie besonders stolz ist und einen Pokal dafür verdient hätte.
Jede Spielerin überlegt sich, wofür sie einen Pokal verdient hätte und setzt sich damit auseinander, was sie gut kann und worauf sie besonders stolz ist.
Das Bild entstand im Rahmen des Projekts „Starke Frauen” ©StMaS | Michael Schirnharl
  • Beteiligung von Kindern und Jugendlichen:
    • Die ersten 5–10 Minuten im Training beschäftigen sich die Kinder selber: sie können auf die Körbe werfen, etwas ausprobieren, mit anderen Kindern quatschen.
    • Die Kinder wünschen sich Spiele – in manchen Teams fest das 1. Spiel, in anderen zu bestimmten Anlässen (z.B. vor den Ferien).
    • In der U12 übernehmen inzwischen einzelne Kinder selbständig das Aufwärmen. Gemeinsam überlegen sie sich im Vorfeld ein Spiel und leiten ihre Mitspieler:innen an.
    • Probleme in der Gruppe und unter einzelnen Kindern, werden moderiert – die Kinder sollen selber ins Gespräch kommen. Lösungen, die Kinder vorschlagen, werden ausprobiert.
    • Jüngere Kinder werden aktiv aufgefordert, ein neues Kind anzusprechen und nach dem Namen zu fragen; bei den älteren hat es sich schon etabliert, so dass sie von selber fragen und stolz das neue Kind in der Gruppe vorstellen.
    • Die Kinder unterstützen beim Auf- und Abbau in der Halle.
    • Kinder suchen sich selber Aufgaben und Lernfelder: Die Spieler:innen helfen sich gegenseitig mit Sachen, die eine besser kann als die andere. Von wem und was sie lernen wollen, entscheiden sie selber.

Ich finds total toll und einleuchtend, dass die Eigenbeteiligung eigentlich auch ein Resilienzfaktor ist, weil dadurch ja die Hierarchien flach bleiben und somit weniger Raum für Machtmissbrauch ist.

I. P.

Unser Training mit den Kindern und Jugendlichen zielt darauf ab, Mädchen mit Sport zu stärken. Im Moment machen wir das vor allem aus dem Bauch raus. Viele der aktuellen Trainerinnen waren schon bei der Gründung von Artio dabei und teilen ähnliche Vorstellungen. Die Frage ist aber, wie wir bei der wachsenden Größe von Artio unsere Grundhaltung auch Externen oder neuen Trainer:innen vermitteln können. In unserem ersten Treffen haben wir uns deshalb vor allem der Zweig der Qualifizierung zugewandt.

Qualifizierung der Trainer:innen – Ein zentraler Zweig eines Schutzkonzeptes

Eine wichtige Säule unseres Schutzkonzepts ist die Qualifizierung der Trainer:innen. Hier stehen wir vor der Herausforderung, unsere Grundhaltung auch neuen Mitgliedern zu vermitteln. Um Trainer:in zu werden, gibt es zwar keine rechtlichen Vorgaben, aber wir legen großen Wert auf eine fundierte Ausbildung und kontinuierliche Fortbildung.

Wie wird man eigentlich Trainer:in?

Um Trainer:in zu werden, braucht es rechtlich erstmal keinerlei Grundqualifizierung. Theoretisch kann jede:r Trainer:in werden.

Die Ausbildungsmöglichkeiten sind rar. Vom Basketballverband gibt es einen Lehrgang, der eine rein fachliche Basketball-Ausbildung darstellt. Der Grundlehrgang im Bezirk Mittelfranken findet nur einmal im Jahr zwischen Pfingst- und Sommerferien statt. Er geht über drei Wochenenden, jeweils Samstag und Sonntag, und ist damit relativ zeitaufwändig. Die Vereine haben aber grundsätzlich ein Interesse daran, dass Trainer:innen die Lehrgänge des Verbands besuchen: mit Bestehen der abschließenden Prüfung erlangen die Teilnehmenden nämlich eine sogenannte D-Trainer:innen-Lizenz; für diese gibt es jährliche, kommunale Zuschüsse an den entsprechenden Verein.

Im Zweikampf entdecken die Spieler:innen ihre eigene Stärke

Darüberhinaus gibt es sportfachliche Fortbildungen vom Bayerischen Basketball Verband: sowohl in Präsenz in ganz Bayern, aber auch online. Um die eigene Trainer:innen-Lizenz aktiv zu halten, ist man verpflichtet innerhalb von 4 Jahren an mindestens 15 Unterrichtseinheiten teilzunehmen.

Wie wird man Trainer:in bei Artio?

Die Formalitäten: Alle Trainer:innen ab 15 Jahren (vorher bekommt man keins) müssen bei uns ein erweitertes Führungszeugnis abgeben. Sportvereine sind grundsätzlich nicht verpflichtet, dieses einzufordern, wir halten es aber für sinnvoll. Derzeit werden die Führungszeugnisse von 2 (beliebigen) Vorstandsmitgliedern gesichtet und dokumentiert. Könnte man diesen Prozess auslagern? Wenn ja, an wen (Rolle)?

Die Stadt fordert zudem seit diesem Jahr eine Selbstverpflichtung (im Anhang) ohne die, die oben genannten Trainer:innen-Lizenzen nicht bezuschusst werden.

Um Trainer:innen zu finden, sprechen wir aktive oder ehemalige Spieler:innen an, ob sie es mal ausprobieren wollen. Viele der aktiven Trainer:innen bei Artio sind so schon als Jugendliche in den Job reingewachsen. Auch unsere eigenen Jugendlichen übernehmen da erste Verantwortlichkeiten.

Im Moment steigen Leute bei uns immer als Co-Trainer:in bei den Kinder- und Jugendteams ein. Neulinge können so direkt erleben, wie wir ein Training gestalten und mit unseren Sportler:innen umgehen. Grundsätzlich ist natürlich die Idee, dass Co-Trainer:innen auch selbstverantwortlich Trainingseinheiten übernehmen: Wie gestalten wir diesen Prozess? Ab wann dürften sie alleine in die Halle? Und bei welchen Teams – nur bei denen, die sie kennen? Was passiert in Ausnahmesituationen, wenn z.B. alle etablierten Trainer:innen krank sind?

Eine Frage, die mir noch so durch den Kopf gegangen ist, ist, wie in der Ausbildung der Trainer:innen vermittelt wird, wo Machtmissbrauch anfängt. Also was ist Machtmissbrauch und was nicht? Was ist „nur Autorität“ und was ist schon Gewalt? Also so eine Art Training zur Differenzierung. Das fände ich in der Ausbildung noch wichtig bzw frage ich mich, wo das verankert ist.

I. P.

Und wie gestalten wir den weiteren Verlauf, wenn wir nicht mehr als Trainer:innen-Duo gemeinsam in der Halle stehen?

Wie lernen wir voneinander und bleiben in Verbindung über Teamgrenzen hinweg? Gibt es verpflichtende Hospitationen bei den anderen? Schaut jemand regelmäßig in „mein“ Training rein? Wenn ja, wer? Und mit welchem Ziel?

Und wenn auffällt, dass etwas schief läuft: Wie können wir Trainer:innen unterstützen, denen das pädagogischen Handwerkszeug fehlt? Was passiert, wenn jemand sich entgegen unserer Grundhaltung verhält? Wer entscheidet das? Was ist überprüfbar?

Fortbildung und persönliche Entwicklung: Wie qualifizieren wir unsere Trainer:innen?

Im Moment bilden sich unsere Trainer:innen selbständig fort. 

Es gibt z.B. gute Webinare von Alba Berlin, die wir auch regelmäßig in der Trainer:innen-Gruppe ankündigen und unterschiedlich daran teilnehmen. Diese Fortbildungen sind immer nur 1 Stunde lang und gehen oft über das rein sportliche hinaus; sie behandeln beispielsweise Themen wie „Spielformen zur Steigerung der Kreativität“, „Umgang mit Sieg und Niederlage: Sportpsychologische Sichtweisen auf Erfolg und Misserfolg bei Kindern“ usw.

Lena hat 2023 die Gamechanger-Ausbildung besucht, die werteorientiertes Leadership im Sport zum Ziel hat. Die Ausbildung dauert insgesamt drei Monate, mit drei Präsenzmodulen und ständiger Begleitung durch Peers und Mentor:innen dazwischen. Sie ist also sehr aufwändig, aber extrem wertvoll.

Vier Trainerinnen posieren nach einer Fortbildung vorm Logo von Aura

2022 waren wir als Trainer:innen-Gruppe bei Aura zu einer kleinen internen Fortbildung, die uns Spiele/Übungen aus ihrer Arbeit mit Mädchen gezeigt und Erfahrungen mit uns geteilt haben.

Solche Art inhouse-Fortbildungen können wir uns öfter vorstellen. Kann man sie evtl. in ein soziales Event einbetten, wie gemeinsames Essen gehen oder ähnliches?

Jugendliche wollen wir gerne zu den JuLeiCa-Ausbildungen schicken, man kann aber frühestens ab 15 Jahren daran teilnehmen.

Die Frage der Qualifizierung ist auch immer an den zeitlichen Aufwand gebunden: Wieviel Zeit können und müssen ehrenamtlich Tätige in Fortbildung investieren? Was wollen wir als Verein verbindlich festlegen? Wie können wir es attraktiv gestalten? Gibt es z.B. Belohnungen? Es steht die Idee im Raum, dass Trainer:innen sich auch Fortbildungen weiter weg wünschen können, für die Artio dann zusätzlich Unterkunft und Verpflegung fürs Wochenende zahlt.

Was wünschen wir uns inhaltlich an Fortbildungen? Welche brauchen wir und rühren an unseren Wurzeln?

Es ist wirklich spannend, wie komplex die Thematik ist und was da alles mit drin bzw. dahinter steckt.

N. F.

Was hat das nochmal mit dem Schutzkonzept zu tun?

Ziel unseres Schutzkonzeptes ist es bei Artio einen Schutz- und Kompetenzort zu schaffen. Nur, wenn Kinder und Jugendliche das nötige Rüstzeug haben, können sie kompetent Grenzwahrungen einfordern und Grenzverletzungen aufdecken. Mit passenden didaktischen und pädagogischen Methoden können wir als Trainer:innen sie auf diesem Weg unterstützen.

Vieles davon machen wir intituitiv schon richtig – so zumindest das Feedback der Eltern (dankeschön!).

Wie geht es weiter mit dem Schutzkonzept?

In einem ersten Schritt versuchen wir aufzudecken, wie wir überhaupt arbeiten und wie wir das weitergeben können. Da Trainer:innen und Vorstand selbst viel zu viel drin stecken, nutzen wir den Blick von außen, in dem alle am Schutzkonzept Beteiligten, ihre Fragen an uns formulieren: sei es zur Arbeit mit den Kindern oder zur Qualifizierung von Trainer:innen.

Diese gesammelten Fragen werden dann im Vorstand diskutiert. In die Themen, die die Trainer:innen betreffen, werden auch diese mit einbezogen.

Ein nächstes Treffen ist grob für Mitte Februar geplant.

Bis zur Mitgliederversammlung im Juni / Juli 2024 wollen wir ein erstes Ergebnis präsentieren. Dafür treffen wir uns in 2024 noch 3–4 Mal. Das Ergebnis muss kein großes Dokument werden, sondern soll unsere generelle Haltung im laufenden Betrieb verankern und einen Blick von außen darauf erlauben, was unsere Werte bei Artio sind und wie wir sie leben.